Andreas Büsch, Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz.

1. Kommunikation im 21. Jahrhundert

 

 Der Titel impliziert eine Reihe von Fragen, u. a.:

  • Wie entwickelt sich Kommunikation?
  • Welche Rahmenbedingungen werden prägend sein?
  • Und wie sind diese Entwicklungen zu bewerten?
  • Welche Folgen haben sie für die Menschen, ihre Kommunikation und die auf menschlicher Kommunikation basierenden
  • sozialen Konstrukte und Systeme?
  • Sind die vielfältigen technischen Möglichkeiten mehr als eine Spielerei für Technikfreaks, die sich über den Schreibtisch hinweg per WhatsApp verabreden?

Zur Beantwortung dieser Fragen hilft ein Blick auf die Sozialgeschichte der Medien, d. h. auf die Entwicklung der Medien als soziale Kommunikationsmittel und deren jeweilige gesellschaftliche Auswirkungen. An dieser Entwicklungsgeschichte lassen sich zwei zentrale Themen ablesen: Die Überwindung der Flüchtigkeit von Kommunikation einerseits sowie deren immer weiter gehende räumliche und zeitliche Entgrenzung andererseits. Ein Meta-Thema ist dabei das spätestens seit dem Aufkommen des Buchdrucks signifikant angestiegene Tempo der Entwicklungen: Von der Entwicklung der Schrift bis zum Druck mit beweglichen Lettern vergingen rund 4.000 Jahre. Seitdem prägen technologische Entwicklungen im Bereich der Medien in immer kürzerer Folge auch gesellschaftliche Entwicklungen.

Angesichts der immensen technischen Veränderungen gerade der letzten Jahrzehnte wäre es unseriös, daraus nun Prognosen für ein ganzes Jahrhundert treffen zu wollen. Jedoch lassen sich die sieben im Folgenden beschriebenen (Mega-)Trends der Entwicklung beobachten, aus denen sich auch Folgerungen für die Zukunft kirchlicher Kommunikation „im Zeitalter von Web 2.0“ ziehen lassen.

(Mega) Trends der Kommunikation im 21. Jahrhundert

Digitalisierung
Der Mega- (bzw. Meta-)Trend der letzten 50 Jahre ist die Umwandlung visueller und akustischer analoger Zeichen in digitale Signale. Die Digitalisierung impliziert dabei immer eine Umwandlung von stufenlosen in diskrete, d. h. schrittweise, zählbare Daten. Diese Umwandlung war wiederum Voraussetzung für die Miniaturisierung und Geschwindigkeitssteigerung in der Verarbeitung von Daten. Vor allem aber ist die Digitalisierung Voraussetzung für die Integration verschiedener Medienformate und die Konvergenz entsprechender Geräte: War ehedem ein Telefon ein Telefon und ein Notizbuch ein Notizbuch, so ist ein Smartphone heute, dank einer Vielzahl von kleinen Programmen, sogenannter „Apps“ (von engl. application, Anwendung), ein Telefon, ein Adressbuch, ein Notizbuch, eine Kamera, ein Internetzugang und vieles mehr – mithin eine nahezu universale digitale Kommunikationsmaschine.

Vernetzung
Der zweite Mega-Trend bezeichnet die seit der „Erfindung“ des Internets in den USA in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts1 immer weiter gehende Herstellung von Datenverbindungen zwischen Servern und Clients. Clients sind dabei mittlerweile nicht mehr bloß Computer, Tablets und Smartphones, sondern auch Fernseher, Kühlschränke und andere Haushaltsgeräte. Das neue Leitmedium Internet erfüllt immer mehr Bedürfnisse der Menschen nach Kommunikation, Information und Unterhaltung. So ist es insbesondere für junge Menschen unverzichtbar in den kommunikativen Alltag integriert2.

Mobilität
Der Trend geht dabei zu einer immer umfassenderen drahtlosen Vernetzung. In Verbindung mit einer Miniaturisierung von Kommunikationsgeräten sind damit die Voraussetzungen für eine mobile und ubiquitäre Nutzung kommunikativer Techniken und Dienste gegeben. Dies führt aber auch zu einer Vermischung der Lebensbereiche; die frühere Trennung in „privat“ und „öffentlich“ ist zunehmend hinfällig. Gerade die mobile Nutzung von Kommunikationsgeräten hebt die frühere Trennung in „dienstlich“ und „privat“ auf – wie jeder beurteilen kann, der im ICE-Großraumwagen schon einmal unfreiwillig Telefonate mit anhören musste. Auf vielfältige ethische wie rechtliche Probleme in diesem Kontext kann hier nur verwiesen werden.

Interaktivität
Dieses ehemalige Unterscheidungskriterium zwischen sozialer und medialer Kommunikation ist spätestens seit der Entwicklung des sogenannten Web 2.0 hinfällig. Im klassischen „Einbahn“-Paradigma der Massenkommunikation stehen Medienproduzenten auf der einen Seite unumkehrbar Medienrezipienten auf der anderen Seite gegenüber. Die niedrigschwellige Nutzung von Blogs, Videoportalen, Kommentar- oder Sharing-Funktionen in sozialen Netzwerken steht hingegen jedem offen. Mit der Nutzung einer solchen Funktion bzw. eines entsprechenden Dienstes wird aus dem Rezipienten unmittelbar ein Produzent, der gestaltend auf den Kommunikationsprozess einwirkt.

Damit verschwimmen die Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation, zumal auch scheinbar individuelle Kommunikation wie in Facebook letztlich ein Massenphänomen ist3. Es entstehen also neue Kommunikations-Öffentlichkeiten, die im Anschluss an Schmidt4 als „persönliche Öffentlichkeiten“ zu bezeichnen sind. Deren Merkmale im Vergleich zu den „professionellen Öffentlichkeiten“ der Massenkommunikation sind Themenwahl nach subjektiver Relevanz statt nach objektiven Kriterien wie Nachrichtenwert, Ausrichtung der Kommunikation am jeweiligen persönlichen Netzwerk statt an einem Massenpublikum und eben eine grundsätzlich dialogische, mithin also interaktive Kommunikation statt eines einseitigen Publizierens5.

Funktionsmischung
Dementsprechend sind die Beteiligten an digitaler interaktiver Kommunikation auch nicht mehr trennscharf zu unterscheiden in Produzenten hier und Rezipienten dort. Vielmehr kann jederzeit ein Rollenwechsel erfolgen; der neue Nutzer ist beides gleichzeitig: ein Prosument. Dies impliziert erhebliche Herausforderungen für beide Seiten, insofern professionelle und semiprofessionelle (journalistische) Formen von Kommunikation formal gleichwertig neben privater Kommunikation bestehen. Die Formate der Kommunikation ändern sich dabei ebenfalls: „Das vorherrschende Modell für die Art der Informationsdarbietung in vernetzten Öffentlichkeiten ist nicht mehr die ‚Sendung‘ oder die ‚Ausgabe‘, sondern der ‚stream‘ oder der ‚feed‘.“6

Globalisierung
Begrenzte Öffentlichkeiten kann es zwangsläufig in einem weltumspannenden Netz nicht mehr geben. Informationen im Internet sind – einmal publiziert – sofort weltweit verfügbar. Die vielen Fotohandys und Digicams sorgen dabei für die Illusion einer globalen Augenzeugenschaft: Wir können theoretisch jederzeit überall „dabei sein“.

Die Anbieter der dazu benötigten Dienste und Services sind weit mehr als bloße mediale Vermittlungsinstanzen. Sie werden zu Garanten einer weltweiten digitalen Kommunikations-Infrastruktur mit teilweise monopolistischer Marktmacht. Sie beeinflussen massiv den Zugang zu und den Umfang des Zugriffs auf Informationen und darauf basierender Kommunikation. Dass eine Reihe von Diensten für die Nutzer (zunächst) kostenfrei angeboten wird, darf nicht über die Profit-Orientierung der dahinter stehenden Anbieter hinwegtäuschen.

Un-vergessliches Medium Internet
Seit dem Aufkommen der Schrift wurde schrittweise immer stärker die ursprüngliche Flüchtigkeit direkter (verbaler) Kommunikation zurückgedrängt, und zwar über die Jahrhunderte für immer mehr Mediengattungen, die von Buch über Foto und Film bis zur dreidimensionalen virtuellen Simulation immer stärker und aktueller die Realität abzubilden bzw. zu spiegeln vermochten. Damit einher ging aber auch eine immer geringere Haltbarkeit der Speichermedien. Während wir die 40.000 Jahre alten Höhlenmalereien von Lascaux oder Nerja heute noch bewundern können, sind die Inhalte von Büchern aus dem letzten Jahrhundert u. U. aufgrund des verwendeten säurehaltigen Papiers nur noch bedingt zugänglich. Dieses Problem wird mit digitalen Speichermedien noch verschärft, die eine weitaus geringere Haltbarkeit als analoge Medien aufweisen. Der Inhalt einer selbstgebrannten CD von vor 15 Jahren ist möglicherweise schon nicht mehr lesbar und für eine Diskette aus der gleichen Zeit gibt es heute üblicherweise keine Laufwerke mehr, mit der diese gelesen werden könnte.

Mit der digitalen Speicherung in weltweit verfügbaren Netzen, kombiniert mit umfassenden Suchzugriffen auf deren Inhalte, entsteht jedoch ein Informationsnetz „ohne Vergessen“. Nichts „versendet sich“ mehr wie weiland im Rundfunk; theoretisch bleiben immer mehr Daten unabsehbar lange verfügbar. Damit ergibt sich zum einen das Problem des Informations-Overflow, der technische und rechtliche Herausforderungen mit sich bringt. Auf diese kann mit Stichworten wie Wissensmanagement, Informationsökonomie, Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung hier nur verwiesen werden. Zum anderen gibt es prinzipbedingt kein „gnädiges Vergessen“ mehr, was wiederum ethische und rechtliche Fragen aufwirft.7

Herausforderungen für Kirche als Kommunikationspartner

Die gerade aufgezeigten Trends lassen sich auch als Herausforderungen lesen – und zwar nicht nur für mediengestützte, sondern auch für die direkte Kommunikation, insofern Erstere immer prägend für Kommunikationsgewohnheiten ist, die auf Letztere „durchschlagen“. Dies zeigt sich in Wortneuschöpfungen wie googeln, skypen etc., die gleichzeitig die monopolistische Macht von Anbietern kennzeichnen. Dies zeigt sich aber auch ganz pragmatisch in der allgegenwärtigen Rede von der Notwendigkeit von Medienkompetenz, die eine Teilmenge der kommunikativen Kompetenz ist8 – jener Fähigkeit, die wir für eine Beteiligung am sozialen Leben brauchen.

Diese Forderung nach kommunikativer Kompetenz lässt sich auch an die Kirche selbst adressieren: Unter welchen Bedingungen kann Kirche angesichts der oben skizzierten Entwicklungen kommunikationsfähig bleiben bzw. werden?

Diese Frage ist alles andere als akzidentell, da die Kirche sich zuallererst einem Kommunikationsakt verdankt – letztlich der göttlichen Selbst-Mitteilung, die Ausfluss der innertrinitarischen communio und communicatio ist: „Gott erschließt sich kommunikativ, d. h. er teilt sich dem Menschen in einer Beziehung mit, die auf der Wechselseitigkeit von Wort und Antwort gründet, Partnerschaft ermöglicht und eine neue kommunikative Kultur begründet.“9 Insofern die Kirche ihrerseits communio ist, „ergibt sich für die praktische Theologie die Aufgabe, einerseits die Kommunikationsdefizite aufzudecken, die das Leben der Kirche behindern, und andererseits die kommunikative Kompetenz aller Beteiligten zu steigern“10.

Insofern ließe sich folgern, dass Kirche als Institution durch den Übergang vom Gutenberg- zum Internetzeitalter und damit von der prinzipiell einseitigen zur prinzipiell dialogischen Kommunikation eine historische Chance hat, hinsichtlich ihres kommunikativen Vollzugs wirklich zu sich zu kommen und einen herrschaftsfreien Dialog zu führen. Damit könnte sie tatsächlich Wegbereiter „für eine Kultur des Respekts, des Dialogs und der Freundschaft“11 werden.

Allerdings stehen einer linearen Umsetzung dieser Forderung diverse Dilemmata entgegen, deren Bewältigung seit einiger Zeit für entsprechende Diskussionen sorgt und die aller Voraussicht nach auch für die nächsten Jahre prägend bleiben werden: 1. Eine nach wie vor – angesichts der Sozialgeschichte der Medien richtiger: immer wieder – verbreitete kulturpessimistische Haltung sieht in digitaler Kommunikation in bester bewahrpädagogischer Tradition vor allem Bedrohung, Gefährdungspotenzial und einen „Verfall der Sitten“. Die möglicherweise dahinter stehende Angst vor Modernisierung ist insofern nachvollziehbar, als dass die zunehmende Komplexität auch von Kommunikationsmöglichkeiten und -kanälen von vielen Menschen als Bedrohung und Verlust von Beheimatung erlebt wird.

Dies ist als Ausdruck einer existierenden Wissenskluft zunächst einmal zu akzeptieren. Andernfalls wäre der Weg von einer Defizitorientierung zu einer Stigmatisierung derer vorgezeichnet, die eben nicht „aufgeschlossen“ oder „kompetent“ genug sind, alle modernen Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen oder deren Nutzung hinsichtlich möglicher Bildungs-, Informations- oder Unterhaltungsergebnisse defizitär ist.

2. Ein gleicher bzw. gleichberechtigter Zugang aller zu allen Medien wäre daher eine naheliegende Forderung – die Realität sieht aber nachweislich anders aus. Exemplarisch wurde dies in den letzten Jahren immer wieder am Thema „Internetzugang“ diskutiert: Zwar sind mittlerweile insgesamt rund 70 % aller Deutschen ab 14 Jahren „online“, aber das bedeutet zwangsläufig auch, dass knapp ein Drittel der Bevölkerung zu den sogenannten „Offlinern“ gehört. Und die Entwicklung der letzten Jahre deutet darauf hin, dass diese Situation sich auf hohem Niveau stabilisiert12.

Dies widerspricht natürlich dem bildungs- wie wirtschaftspolitisch motivierten Ideal einer komplett an die „Datenautobahn“ angeschlossenen Gesellschaft und deutet eher auf eine tiefgreifende Spaltung der Gesellschaft hin, die entsprechend als Digitale Spaltung („digital divide“) oder auch „digitaler Graben“13 seit Jahren die Debatten beherrscht. Dieser Graben trennt diejenigen, die einen (Breitband-) Internetanschluss haben oder dessen Anschaffung in naher Zukunft planen, von denen, die aus unterschiedlichen Gründen „Offliner“ sind und auch nicht vorhaben, dies zu ändern.

Insofern ist eine erste Forderung, die Zugangsbarrieren abzubauen und möglichst allen Menschen Zugang zu neuen und neuesten digitalen Medien und deren Verbreitungsformen zu ermöglichen: „Man muss sich jedoch darum bemühen, sicherzustellen, dass die digitale Welt, in der diese Netze eingerichtet werden können, eine wirklich für alle zugängliche Welt ist. Es wäre ein schwerer Schaden für die Zukunft der Menschheit, wenn die neuen Instrumente der Kommunikation, die es möglich machen, Wissen und Informationen schneller und wirksamer zu teilen, nicht für jene zugänglich gemacht würden, die schon ökonomisch und sozial am Rande stehen, oder nur dazu beitrügen, die Kluft zu vergrößern, die die Armen von den neuen Netzen trennt, die sich im Dienst der Information und der menschlichen Sozialisierung gerade entwickeln.“14

3. Die Verhinderung oder Behebung von Exklusion ist aber sicherlich nicht auf das bloß quantitative Problem des Vorhandenseins bzw. der Nutzung von Kommunikationsmöglichkeiten beschränkt. Die praktische, da empirisch leicht handhabbare, im Übrigen aber schlichte Dichotomie „Onliner/Offliner“ (oder „user/loser“) verstellt vielmehr den Blick auf die Ursachen differenzierter gesellschaftlicher Lagen.

Gehrke weist zu Recht darauf hin, dass in den Debatten um die (Nicht-)Nutzung des Internets drei Paradigmen zu unterscheiden sind, deren Gewichtung erheblichen Einfluss auf die möglichen politischen und sozial-strukturellen Folgerungen hat.15 Die naheliegende Forderung des Abbaus von Zugangsbarrieren folgt dem Par- tizipationsparadigma: Wenn nur erst alle Zugang zum Internet haben, werden sich soziale Ungleichheiten nivellieren. Daher gibt es (bildungs-)politisch wie ökonomisch ein hohes Interesse daran, allen Bürgern eines Landes Zugang zur und damit Partizipation an der Informationsgesellschaft zu ermöglichen.

Ganz ähnlich argumentieren Vertreter des Innovationsparadigmas: Der fehlende Zugang vieler Bürger zum Internet behindert Innovationen, wirtschaftliches Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Konsequenterweise müssen dagegen staatliche Förderprogramme entwickelt werden, um die Akzeptanz zu erhöhen und wirtschaftlich relevante Kompetenzen der Nutzung zu fördern.

Von diesen beiden unterscheidet sich das Evolutionsparadigma insofern deutlich, als dass daraus eben keine zwingenden Handlungen gefolgert werden, sondern vielmehr im Vertrauen auf den Markt das Bestehen von Unterschieden in der Medien- und Techniknutzung als zwangsläufige und nicht notwendigerweise kritische Tatsache hinzunehmen ist. Denn wer keinen Internetzugang hat, braucht offensichtlich auch keinen und kann seine Informationsund Unterhaltungsbedürfnisse mit klassischen Medien stillen.16

Allerdings räumt Gehrke auch ein, dass die Idee einer „vierten Kulturtechnik“ beim Evolutionsparadigma keine Rolle spielt17 – womit dieses Paradigma eher neoliberal wirkt und keinesfalls der Aufdeckung und Behebung sozialer Exklusion dient.

Wenn es aber vor allem ältere Menschen sind, Frauen, Nicht-Berufstätige und Menschen mit formal geringeren Bildungsabschlüssen und Menschen aus bestimmten Regionen, die sich nicht am Internet – und damit erst recht nicht am Web 2.0 – beteiligen18, dann handelt es sich offensichtlich um eine entlang der genannten Merkmale beschreibbare soziale Spaltung, die der digitalen Spaltung vorausliegt und von dieser noch verstärkt wird.

4. Nicht nur Kinder und Jugendliche – traditionell die Fokusgruppe von Bildungsbemühungen und damit verbundenen Innovationen – oder Erwachsene, die in Aus- und Fortbildung mit neuen Kommunikationstechniken und -medien konfrontiert sind, sondern auch alte Menschen erleben durch digitale Medien mehr Spiel- und Gestaltungsräume für Kommunikation und damit Partizipation. Dies belegen die seit Jahren stabil hohen Zuwachsquoten im Bereich der sogenannten „Silver Surfer“, also Angehörigen der Altersgruppe der über 60-Jährigen19.

5. Zentrale Voraussetzung für die Erlangung von Kommunikationsfähigkeit in einer überwiegend mediatisierten Gesellschaft ist für alle Bevölkerungsgruppen die Vermittlung von Medienkompetenz. Es herrscht ein breiter Konsens, dass dies eine zentrale Herausforderung für alle gesellschaftlichen Gruppen ist, die mit dem Thema Bildung befasst sind – mithin auch für Kirche.

Dies ist auch erkannt und in dem medienethischen Impulspapier „Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft“ 20 der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz entsprechend formuliert worden: „Für eine gelingende Teilhabe und verantwortete Handlungsfähigkeit im medialen Raum, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, muss vielmehr an dessen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Lebenswelten Maß genommen werden.

Kommunikative Kompetenz ist einerseits Voraussetzung für Handeln in der Mediengesellschaft. Andererseits muss die Kompetenzvermittlung Ziel der Gesellschaft sein. Auf der Ebene der Darstellung (Performanz) geht es letztlich um die kompetente Beteiligung an sozialer Kommunikation, gerade mit und durch Medien. Das alltägliche Medienhandeln der Menschen stellt aus dieser Perspektive ein ebenso wichtiges Lernfeld für den Umgang mit Medien dar wie die gezielte und geplante Auseinandersetzung damit. Gewöhnlich wird Medienkompetenz (der bisweilen sehr unterschiedlich verstandene Begriff der Medienkompetenz umfasst ein ganzes Bündel von Kompetenzen …) als entscheidende Voraussetzung für die verstehende und aktive Teilhabe an der öffentlichen Kommunikation benannt.“21

Nimmt man den zitierten Ansatz an der Lebenswelt der Menschen sowie an deren subjektiven Bedürfnissen ernst, so wird z. B. angesichts der unterschiedlichen Milieus und der zwischen diesen be- stehenden Abgrenzungen unmittelbar deutlich, dass dies keine triviale Aufgabe ist und dass es zwangsläufig sehr unterschiedliche Akzentsetzungen bei einer Definition von Medienkompetenz und deren pädagogischer Operationalisierung geben muss.22 Eine zeitgemäße Medien- und Kommunikationspädagogik wird daher die gesamte Bandbreite ästhetischer und technischer, analoger und digitaler Kommunikationsmedien in den Blick nehmen müssen und zu einer umfassenden Medienkompetenz-Vermittlung beitragen, die milieusensibel vorgeht und auf die Ermöglichung von Inklusion und Partizipation an kommunikativen Prozessen zielt.

6. Dabei stellt sich für Kirche ein weiteres Problem, das als Dilemma zwischen dem systemeigenen „ethischen Code“ und der im System der Kommunikationsmedien vorherrschenden Codes der Ökonomie bzw. Konsumorientierung beschrieben werden kann.

Es ist letztlich das Grunddilemma des „in der Welt, aber nicht von der Welt“-Seins (Johannes 17,9–17): Die kirchlichen Grundvollzüge kommunizieren das Heil, das Gott uns verheißen hat und das in Je- sus Christus schon unter uns Wirklichkeit wird. Aber eben diese Verkündigung geschieht in Kontexten und Strukturen, die klar kommerzieller Natur sind und als Systeme völlig andere Leitcodices haben. Dieses Dilemma wird sich dauerhaft nicht lösen lassen, da eine (bestenfalls hypothetisch mögliche) Abkehr von modernen Kommunikationsmedien gleichbedeutend mit einem Verschwinden aus der gesellschaftlichen Realität wäre23. Das umgekehrte Extrem einer rein kirchlichen Kommunikationsstruktur – also einer Aufstellung mit Kommunikationsmedien rein in kirchlicher Trägerschaft – ist angesichts des Bedeutungsverlustes von Kirche in modernen Gesellschaften ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Die Probleme, die das kirchliche Presse- und Verlagswesen in den letzten Jahren nahezu flächendeckend aufweist, sind ein deutlicher Indikator dafür. Für den Bereich der digitalen Medien verbieten sich solche Insellösungen schon von vornherein.

Hinsichtlich der eigenen publizistischen Tätigkeit wird Kirche daher im 21. Jahrhundert mehr denn je nach Zielgruppen und Milieus differenzierte Strategien erproben müssen, um dem ureigensten Auftrag des kommunikativen Handelns weiterhin gerecht werden zu können.

Auf das gesamte gesellschaftliche Handlungsfeld Kommunikation und Medien hin wird der schwierige Mittelweg darin bestehen, immer wieder kritische Zeitzeugenschaft auszuüben. Die jeweiligen Zeichen der Zeit müssen erkannt und aus der Eigengesetzlichkeit der Kommunikationsmedien heraus theologisch und ethisch gedeutet werden, um diese Deutungen in Diskurse mit Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Pädagogik einzubringen. Die Ergebnisse solcher kritischen Diskurse sind dann wiederum jeweils auch auf das eigene kommunikative Handeln von Kirche zu befragen, um auch im 21. Jahrhundert mittels digitaler Kommunikationsmedien immer mehr das Bild der lebendigen communio zu verwirklichen.

Damit kann und soll der Wert der Begegnung in der direkten personalen Kommunikation nicht geschmälert werden. Sie wird in der Kirche und für die Kirche auch im 21. Jahrhundert eine hohe Bedeutung haben. Aber wenn Kirche an der Lebenswelt der Menschen orientiert kommunizieren will, wird diese direkte Kommunikation vielfältig durch digitale Medien ergänzt werden – zur Anbahnung, Durchführung und Aufrechterhaltung von Kommunikation. Wenn dabei nicht a priori Menschen aufgrund individueller und sozialer Merkmale ausgeschlossen werden sollen, muss die Frage der Zugangs- und Beteiligungsmöglichkeiten an veränderten Kommunikationsformen, die unter dem Stichwort „digital divide“ diskutiert wird24, jeweils nochmals neu gestellt und beantwortet werden. 

Literatur / Links


1 Zakon, Robert H.: Hobbes Internet Timeline, 10.2.2012.
2 Vgl. Van Eimeren, Birgit / Frees, Beate: Drei von vier Deutschen im Netz – ein Ende des digitalen Grabens in Sicht? Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011. In: Media Perspektiven (7–8/2011), S. 334–349.
3 Vgl. Ridder, Christa-Maria / Engel, Bernhard: Massenkommunikation 2010. Mediennutzung im Intermediavergleich. In: Media Perspektiven (11/2010), S. 523–536.
4 Schmidt, Jan-Hinrik: Zum Strukturwandel von Kommunikation im Web 2.0. In: Sinnstiftermag (11/2011).
5 Ebd.
6 Ebd.
7 Auf die umstrittene Forderung nach einem „Recht auf Vergessen“, das Anfang 2012 von der EU-Grundrechtekommissarin Viviane Reding gefordert wurde (vgl. ec.europa.eu/justice/data-protection/document/review2012/ com_2012_11_de.pdf ), kann hier ebenfalls nur verwiesen werden. Vgl. die differenzierende Kritik dazu von Simon Möller (2012): Vergesst das Recht auf Vergessenwerden. URL: www.telemedicus.info/article/2138-Vergesst-das- Recht-auf-Vergessenwerden.html.
8 Vgl. Baacke, Dieter: Kommunikation und Kompetenz. München 1973
9 Werbick, Jürgen: Art. „Kommunikation. II. Fundamentaltheologisch“. In: LThK³, S. 214f.
10 Zerfass, Rolf: Art. „Kommunikation. IV. Praktisch-theologisch“. In: LThK³, S. 216f.
11 Benedikt XVI.: Neue Technologien – neue Verbindungen. Für eine Kultur des Respekts, des Dialogs, der Freundschaft. Botschaft des Papstes zum 43. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel am 13.09.2009.
12 Vgl. van Eimeren / Frees: (Anm. 2).
13 Initiative D21: (N)Onliner Atlas 2011. Eine Topographie des digitalen Grabens durch Deutschland.
14 Benedikt XVI.: (Anm. 11).
15 Gehrke, Gernot: Digitale Teilung – Paradigmen und Herausforderungen. In: Gapski, Harald (Hg.): Jenseits der digitalen Spaltung. Gründe und Motive zur Nichtnutzung von Computer und Internet. München 2009, S. 74–80.
16 Vgl. Gerhards, Maria / Mende, Annette: Offliner. Ab 60-jährige Frauen bilden die Kerngruppe. In: Media Perspektiven (7/2009), S. 368f. Der von Gehrke (Anm. 15), S. 78, in diesem Zusammenhang zitierte Vergleich mit dem „Mercedes- Problem“ – ich hätte gerne einen, kann mir aber keinen leisten – ist insofern irreführend, als dass es nicht um ein Luxusproblem, sondern um grundlegende Partizipationsmöglichkeiten geht. Um im Bild zu bleiben: Sich keinen Mercedes leisten zu können, ist zweifelsfrei kein Grund für entsprechende Förderprogramme. Aber sich in einer immer stärker auf individuelle Mobilität ausgerichteten Gesellschaft überhaupt kein Auto leisten zu können, ist u. U. ein massives soziales Problem, insofern davon neben Freizeitmöglichkeiten auch Zugänge zum Bildungs- und Arbeitsmarkt abhängen können. Gleiches gilt mittlerweile wohl auch für einen hinreichend leistungsfähigen Internetzugang.
17 Vgl. Gehrke: (Anm. 15), S. 80.
18 Initiative D21: (Anm. 13); vgl. Gerhards / Mende: (Anm. 16), S. 366.
19 Vgl. van Eimeren / Frees: (Anm. 2), S. 335.
20 Die Deutschen Bischöfe. Publizistische Kommission; 35: Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft. Ein medienethisches Impulspapier, Bonn 2011.
21 Ebd., S.59f.
22 Vgl. dazu die breit aufgestellten Forderungen als Ergebnisse der Arbeitsgruppen im Rahmen des Medienpädagogischen Kongresses 2011 „Keine Bildung ohne Medien“, online unter: www.keine-bildung-ohne-medien.de/kongressdokumentation/ medienpaedagogischer-kongress-2011_ergebnisse-der-arbeitsgruppen.pdf.
23 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen 2004.
24 Vgl. u. a. Büsch, Andreas: Medienerziehung 2.0. Neue Antworten auf neue Herausforderungen? In: AmosInternational (3/2010), S. 24–27

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