Christian Klenk, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Studiengang Journalistik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

5. Kirchliche Presse

 

„Die gegenwärtige außerordentliche Not der Presse zwingt uns, ein aufmunterndes Wort zur Unterstützung und Förderung der katholischen Zeitungen und Sonntagsblätter an Euch zu richten.“ So beginnt ein Hirtenbrief an die Gläubigen des Erzbistums Freiburg. Die Thematik ist aktuell, das bischöfliche Wort aber aus dem Archiv. Verlesen wurde der Brief am 2. September 1922.1 Erzbischof Karl Fritz verweist auf die „finanzielle Not“ und den Rückgang von Abonnenten unter anderem beim „Konradsblatt“ und ruft die „geliebten Diözesanen“ auf, „im Hinblick auf die große Mission der Presse ihrer bisherigen Zeitung die Treue zu bewahren“, Leser zu werben, den Verlag mit Inseraten zu unterstützen und Anteilsscheine zu erwerben. „In jedes katholische Haus eine katholische Zeitung und ein katholisches Sonntagsblatt!“, appelliert Erzbischof Fritz.

90 Jahre später könnte mit den gleichen Worten von der Kanzel gepredigt werden. Medienangebot und -konsum sowie das kirchliche Leben haben sich radikal gewandelt, doch die katholische Presse steckt wieder in der Krise. Das erwähnte „Konradsblatt“ gehört noch zu jenen Bistumszeitungen mit vergleichsweise geringen Auflagenverlusten – andere Blätter verlieren Leser in weit dramatischerem Umfang. Welche Optionen gibt es für die kirchliche Presse in dieser Situation? Haben Kirchenzeitungen eine Zukunft?

Konfessionell, katholisch, kirchlich – Versuch einer Systematik
Dieser Beitrag kann nicht die Entwicklungen einzelner Titel umfassend darstellen, sondern nur die Situation und Perspektiven der kirchlichen Presse im Allgemeinen beleuchten. Es soll hier nicht um die Presse gehen, was auch protestantische und freikirchliche Angebote einschließen würde. Ökumenisch getragene oder ausgerichtete Zeitungen und Zeitschriften waren bisher die Ausnahme – so das 14-tägig erscheinende Magazin „Publik-Forum“ (rund 36.800 Exemplare2) oder in gewisser Weise auch die mittlerweile eingestellte Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ nach der Übernahme der evangelischen Wochenzeitung „Christ und Welt“.

Auch geht es im Kern nicht um die katholische Presse, die Publikationen von Verlagen und Herausgebern einschließt, die sich als katholisch bezeichnen und verstehen, zugleich aber strukturell und ökonomisch in keiner Weise an die Institution Kirche gebunden sind. Gleichwohl sind unabhängige Publikationen nach wie vor ein wichtiger Eckpfeiler auf dem Markt der Informationen und Meinungsbildung zu kirchlich-religiösen Themen. Erstaunlicherweise hatten manche dieser Blätter zuletzt, entgegen dem Trend, stabile Auflagenzahlen – so die Wochenschrift „Christ in der Gegenwart“ (Verlag Herder; 2012 rund 31.200 Exemplare) – oder wurden gar neu gegründet (wie das „Liborius Magazin“ oder die Zeitschrift „theo“). Auch erscheinen in diesem Feld zahlreiche zielgruppenspezifische Zeitschriften, z. B. für Kinder und Jugendliche („SPATZ“ oder „Benni“), Eltern („Leben & erziehen“), Frauen („Frau im Leben“) oder Senioren („plus Magazin“). Das katholische Profil ist allerdings nicht immer so deutlich erkennbar wie bei den Titeln „Die Sternsinger“ oder „MINIPOST“. Schließlich sind noch die Kultur- und Fachzeitschriften zu nennen, die jeweils nur eine überschaubare Leserschaft mit spezialisiertem Themeninteresse bedienen.

Kirchliche Presse meint im Folgenden Publikationen, deren Verlag sich unmittelbar oder indirekt im Eigentum einer oder mehrerer Diözesen bzw. anderer kirchlicher Institutionen befindet und/oder deren Herausgeber von Amts wegen eine natürliche oder juristische Person der Kirche ist – wie etwa der Bischof oder Bischöfliche Stuhl bei einer Bistumszeitung.

Würde man die Kirche als ein wirtschaftliches Unternehmen mit Mitarbeitern und Kunden verstehen, wäre der passende Begriff Corporate Publishing: die Übermittlung von Informationen an interne und externe Zielgruppen, die zwar – im Gegensatz zu Werbung und PR – formal gänzlich journalistisch aufbereitet sind, inhaltlich aber letztlich die Ziele des Absenders verfolgen. Im Falle der politischen Publizistik spricht man von der heute kaum mehr existierenden Tendenzpresse, die von einer Partei abhängig ist oder offen mit dieser sympathisiert.3 Letztlich deuten solche Vergleiche auf die immer wieder geführte Debatte, inwieweit die kirchliche Presse kritischen Journalismus bieten darf und will.

Bei der nunmehr eingegrenzten kirchlichen Presse muss noch nach der Art des Absenders unterschieden werden. Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 70 Zeitschriften von Ordensgemeinschaften, die in unterschiedlicher Periodizität und Aufmachung in einer Gesamtauflage von 1,5 Millionen Exemplaren an Freunde und Förderer kostenlos verteilt oder im Abonnement vertrieben werden. Am weitesten verbreitet ist „kontinente“, ein Magazin mit Reportagen im weltkirchlichen Kontext, das zwei Dutzend missionarisch tätige Orden und Werke gemeinsam herausgeben (2012 laut Verlag rund 260.000 Exemplare). Das Projekt besteht seit 1966; ohne die Kooperation würden kleine Gemeinschaften über kein publizistisches Angebot verfügen. Des Weiteren geben fast alle katholischen Verbände Mitgliederzeitschriften heraus, die über interne Vorgänge und Themen im Kontext der Verbandsarbeit informieren. Die Zukunft dieser publizistischen Angebote hängt stark von der Entwicklung der Mitgliederzahlen und vom künftigen Spendenaufkommen ab; bei der Ordenspresse ist zudem damit zu rechnen, dass einzelne Gemeinschaften mangels Nachwuchs publizistische Tätigkeiten werden reduzieren müssen.

Zumeist wird die Kirchenpresse mit jenen Wochenzeitschriften gleichgesetzt, die in diözesaner Verantwortung stehen. 24 Bistumszeitungen erschienen 2013. Dabei gab es zwei redaktionelle Kooperationen: In der Verlagsgruppe Bistumspresse mit Sitz in Osnabrück haben sich fünf Verlage zusammengeschlossen, die für sieben Kirchenzeitungen in zehn Diözesen (vor allem Nord- und Ostdeutschland) gemeinsam die überregionalen Seiten erstellen. Die beteiligten Kirchenzeitungen bilden also eine publizistische Einheit und kümmern sich in den Diözesen lediglich um die regionale Berichterstattung. Eine weitere Gemeinschaftspublikation gibt es seit 2003: die „Katholische SonntagsZeitung“ der Augsburger Mediengruppe Sankt Ulrich, die mit unterschiedlichen Regionalteilen als Bistumszeitung in Augsburg, Regensburg und Berlin erscheint.

Die direkte oder indirekte Zugehörigkeit von Verlag und Redaktion zum Bistum und die wöchentliche Erscheinungsweise sind die einzige Gemeinsamkeit aller Blätter. Manche Bistumszeitungen gleichen optisch tatsächlich einer Zeitung (wie die Ausgaben der Verlagsgruppe Bistumspresse im Rheinischen Format), andere sind inhaltlich und formal als Magazin konzipiert (z. B. „Katholisches Sonntagsblatt“, Diözese Rottenburg-Stuttgart), wieder andere versuchen, nicht ganz konsequent, beides zu sein. Inhaltlich fokussieren die Blätter in unterschiedlicher Gewichtung auf das Geschehen in Bistum und Weltkirche, auf Glaubensthemen und in den vergangenen Jahren verstärkt auch auf Ratgeberjournalismus.

Die dreifache Not der kirchlichen Presse
So sehr die Bistumszeitungen in ihrer Aufmachung voneinander abweichen, so unterschiedlich ist ihre Entwicklung auf dem Lesermarkt in den vergangenen Jahren.4 Am härtesten traf es die Zeitungen der Diözesen Essen, Paderborn, Regensburg und Berlin, die zwischen 2002 und 2012 die Hälfte oder mehr ihrer Auflage einbüßten. Im Gegensatz dazu verloren die Bistumsblätter von Freiburg, Fulda und Rottenburg-Stuttgart im gleichen Zeitraum „nur“ ein Viertel ihrer Leserschaft; noch stabiler blieb die Auflage nur beim „Tag des Herrn“ (gemeinsame Zeitung für vier ostdeutsche Diözesen) mit einem Auflagenminus von rund 14 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Man kann die Gründe für diese Unterschiede in der publizistischen Machart und Qualität suchen – doch dies alleine wäre kurz gegriffen. Die Bistumspresse steckt in einer dreifachen Notlage:

Erstens: der schrumpfende Nachfragemarkt
Die Entwicklung einer Bistumszeitung ist ein Spiegelbild dessen, wie sich das kirchliche Leben in einer Diözese entwickelt. Eine (kostenpflichtige) kirchliche Presse findet Abonnenten nur unter jenen Gläubigen, die sich eng mit der Kirche verbunden fühlen. Die Zahl der Katholiken aber sinkt und das Gemeindeleben – gemessen an der Zahl jener Gläubigen, die sonntags zur Messe gehen – schwindet. Als Vergleichsmaßstab eignet sich daher eher der Marktanteil einer Bistumszeitung unter den Katholiken einer Diözese bzw. unter den Gottesdienstbesuchern.
Doch auch hier gibt es Unterschiede: Im Bistum Münster hatten 2011 rund 40 Prozent der Kirchgänger „Kirche + Leben“ abonniert, während die Regensburger „Katholische SonntagsZeitung“ nur von jedem zehnten Gottesdienstbesucher bezogen wurde. Hinzu kommt, dass gedruckte Medien von jüngeren Zielgruppen allgemein seltener gelesen werden. 1922 hatte Erzbischof Karl Fritz noch geschrieben: „Die Zeitungen sind heute in den allermeisten Familien der tägliche Hausfreund geworden. Von Alt und Jung wird sie sehnsüchtig jeden Tag erwartet.“ Das ist heute grundlegend anders: Gedruckte Medien verlieren zunehmend Reichweite an das Internet. Dennoch waren die durchschnittlichen Auflagenrückgänge der deutschen Tagespresse nur halb so hoch wie jene der Bistumszeitungen.

Die verkaufte Auflage aller 24 Titel lag Ende 2012 noch bei wöchentlich 590.000 Exemplaren. Damit stellen die diözesanen Blätter zweifellos eine bedeutende Säule katholischen Medienengagements dar. Doch die Erosion ist unaufhaltsam. Allein in den vergangenen 15 Jahren hat sich die Auflage halbiert. Bei fortschreitender Entwicklung wird es diesen Pressetypus rein rechnerisch in weiteren 15 Jahren nicht mehr geben.

Zweitens: die eingegrenzte Zielgruppe
Die Rückgänge gehen einher mit der Problematik, dass weite Teile der Kirchenmitglieder und erst recht Außenstehende über die kirchliche Presse nicht mehr erreicht werden. Durch Leserbefragungen (deren Ergebnisse zumeist öffentlich nicht zugänglich sind) und den Trendmonitor „Religiöse Kommunikation”5 zeichnet sich ein recht deutliches Bild vom typischen Kirchenzeitungsleser: eine Katholikin über 70, die jeden Sonntag zur Kirche geht und aufgrund ihrer Werteorientierungen und Alltagseinstellungen wie Freizeitgestaltung und Konsum dem Milieu der Konservativen zuzurechnen ist. Dies beschreibt nicht nur den Durchschnitt – es ist zunehmend eine homogene Gruppe. Aus verlegerischer Sicht ist das nicht nur nachteilig, können doch Inserenten mit dem Kundenkreis „Best Ager“ in solch einem Umfeld zielgerichtet Anzeigen schalten. Publizistisch gesehen jedoch gelingt es der Kirche nicht mehr, junge Zielgruppen über ihre Printmedien zu erreichen. Damit stirbt die Leserschaft aus.

Drittens: das erschwerte Gegensteuern
Weil die Abonnentenzahlen sinken und in der Folge die daran gekoppelten Werbeerlöse, fehlt es den Verlagen mehr und mehr an Geld, um dem Trend entgegenzuwirken. Inhaltliche und konzeptionelle Veränderungen, die darauf angelegt sind, neue Leserkreise zu erschließen, wirken sich gar nicht oder stark verzögert positiv aus, da die neu angesprochenen Zielgruppen zunächst gar nicht erreicht werden. Stattdessen wird die Jugendseite im Heft von den Großeltern gelesen (oder überblättert). Müssen die Bistumszeitungen im schlimmsten Fall am Personal sparen, wirkt sich das verschärfend auf die publizistische Qualität aus.

Welche Handlungsoptionen es noch gibt
Es ist keineswegs so, dass die kirchliche Presse dem Schrumpfungsprozess tatenlos zusieht. Viele Maßnahmen sind in den vergangenen Jahren ausprobiert worden – und haben die Zeitungen meistens auch erkennbar aufgewertet. Noch mehr wurde und wird diskutiert. Die Handlungsoptionen lassen sich in drei Kategorien unterteilen:
Erstens: konzeptionelle Verbesserungen
Was kann ein Verlag tun, um sein eigenes Blatt für die verbliebenen und bestenfalls auch neuen Leser attraktiver zu machen? Gemeint ist nicht nur ein aufgeräumtes Layout, das den Regeln moderner Zeitungs- oder (!) Zeitschriftengestaltung gehorcht. Viel hat sich da in den vergangenen Jahren getan, die meisten Bistumszeitungen brauchen sich optisch nicht zu verstecken. Wichtiger aber sind die Inhalte: weniger nachrichtliches Referieren von Vorgängen im Bistum (auch Tageszeitungen müssen „hintergründiger“ berichten, um sich von den elektronischen Medien abzuheben), weniger bischöflicher Terminkalender in Bildern – dafür mehr Ratgeberjournalismus, Lebenshilfe, Porträts von Menschen, denen ihr Glaube im Alltag hilft, und Meinungsvielfalt auch bei innerkirchlich umstrittenen Themen.

Das Bedienen neuer Zielgruppen ist schwierig, solange diese die Zeitung gar nicht wahrnehmen. Einen Versuch wäre es wert, junge Eltern mit den Themen Erziehung und Schule anzusprechen. Die Phase der Familiengründung ist für viele Katholiken ein Zeitpunkt, an dem sie nach oft längerer Pause mit der Institution Kirche wieder Kontakt aufnehmen – durch Hochzeit, Taufe und Kindergarten, möglicherweise auch Umzug an einen neuen Wohnort. In Fragen der Erziehung wird der Kirche – ähnlich wie beim sozialen Engagement in der Gesellschaft – noch eine hohe Kompetenz zugesprochen, wie man an dem ungebrochen großen Zulauf an katholischen Schulen erkennen kann. Bleibt noch der Internetauftritt: Tageszeitungen grübeln darüber, wie viele Inhalte sie kostenfrei ins Netz stellen sollen, um neue Zielgruppen anzusprechen – ohne zugleich Leser der gedruckten, kaufpflichtigen Ausgabe zu verlieren. Die kirchliche Presse hat ein ganz anderes Problem: Ihre Abonnenten sind gar nicht online. Wenn doch, informieren sie sich im Netz kaum über religiöse Themen (17 Prozent der Katholiken taten dies 2010 laut MDG-Trendmonitor). Am häufigsten werden die Webseiten der Pfarreien auf der Suche nach Veranstaltungen und Ansprechpartnern angesteuert, so gut wie gar nicht die (vielfach spartanischen) Onlineauftritte der Kirchenzeitungen. Ohne Internet und crossmediales Produzieren auf Bistumsebene wird es in Zukunft nicht gehen. Vorerst aber bringt es wenig, die Beiträge der gedruckten Ausgabe eins zu eins ins Netz zu stellen – dafür sind die jeweiligen Rezipienten der beiden Kanäle viel zu unterschiedlich.

Zweitens: Kooperation – untereinander und mit anderen
Schon jetzt arbeitet die kirchliche Presse in verschiedenen Bereichen zusammen, vor allem im verlagskaufmännischen Bereich. Über die Anzeigen-Vermarktung „KONPRESS“ können die konfessionellen Printmedien geschlossen auftreten und mit einer hohen Auflage solche Anzeigenkunden erschließen, die bei einem einzelnen Blatt nicht inserieren würden. Weitere Synergien wie bei Vertrieb, Marketing, EDV oder Buchhaltung werden teilweise schon genutzt und sollten ausgebaut werden, solange daraus wirtschaftliche Vorteile erwachsen.

Umstrittener sind Kooperationen im redaktionellen Bereich. Eher unverbindlich ist die Vereinbarung, untereinander Artikel auszutauschen, die überregional interessant sind. Bistumszeitungen haben keine sich überschneidenden Verbreitungsgebiete und stehen folglich nicht in Konkurrenz zueinander. Daher gibt es keine publizistischen Argumente gegen einen solchen „Markt“, der im Katholischen Medienhaus in Bonn seinen richtigen Platz hat. Allerdings muss bei wirtschaftlich unabhängigen Verlagen die Vergütung geregelt werden. Einen Schritt weiter geht das Mantelmodell, das die Verlagsgruppe Bistumspresse erfolgreich praktiziert. Überregionale Inhalte werden dabei nicht von jeder beteiligten Bistumszeitung eigenständig produziert. Diese Teilzentralisierung schafft personelle Kapazitäten, damit im Mantelteil nicht bloß Agenturmeldungen stehen, sondern selbstrecherchierte Beiträge – ein wichtiger Mehrwert im Vergleich zu den kostenlosen Nachrichten im Internet. Sinn- voll wären im ersten Schritt Kooperationen in größeren zusammenhängenden Regionen, z. B. Norden, Westen, Osten, Süden – oder alle bayerischen Diözesen etc. Am weitesten ginge das Modell mit nur einem einzigen Mantel für ganz Deutschland – doch dies ist sehr unrealistisch angesichts unterschiedlichster Strömungen innerhalb des deutschen Episkopats. Viele Bischöfe wollen die Publizistik nicht aus der Hand geben. Kooperationen sind aber auch innerhalb der Bistumsgrenzen möglich: Weil das Geschehen in der Pfarrgemeinde bei Katholiken auf der Beliebtheitsliste religiöser Themen ganz oben steht, liegt eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Ebene der Seelsorgeeinheiten auf der Hand. Die Aachener „KirchenZeitung“ geht diesen Weg seit 2008 und erscheint in neun Regionalausgaben, die stärker auf lokale Themen eingehen (dies darf inhaltlich durchaus mehr sein als nur eine Terminvorschau). Ob sich das Modell längerfristig mit stabileren Auflagenzahlen auszahlt, bleibt abzuwarten. Bislang kaum ausgelotet sind Kooperationen mit der regionalen Tagespresse. Über eine Beilage könnten neue Zielgruppen angesprochen werden. Mit dem Magazin „Kirchenfenster“ gab es vor wenigen Jahren eine ökumenische Publikation der evangelischen und katholischen Kirche im Kreis Göppingen (Baden-Württemberg), die vierteljährlich in einer Auflage von 50.000 Exemplaren der örtlichen Regionalausgabe der „Südwest Presse“ beilag. Leider wurde das Projekt wieder eingestellt.

Drittens: ganz neue Wege
Bisher hielten alle deutschen Bischöfe und diözesanen Verlage an einer eigenen oder allenfalls in Kooperation produzierten Bistumszeitung fest – wie lange noch? Die bisher beschriebenen Handlungsmöglichkeiten gleichen in ihren Auswirkungen eher Kosmetik im Vergleich zu dem nun vom Bistum Essen angekündigten Schritt, die Abonnementzeitung „Ruhrwort” zugunsten eines anderen publizistischen Modells Ende 2013 aufzugeben. Alternativen sind zum einen die schon beschriebenen regionalen oder überregionalen Beilagen – wie 2010 aus der Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ eine Beilage der „ZEIT“ wurde. Die evangelische Kirche hat mit dem Magazin „chrismon“ ein solches Supplement, das monatlich mehreren regionalen und überregionalen Zeitungen beiliegt (Auflage Ende 2011 rund 1,6 Millionen Exemplare). Wie intensiv das Heft wahrgenommen und tatsächlich gelesen wird, lässt sich allerdings kaum sagen. Natürlich sind die Streuverluste deutlich größer als bei einer bezahlten Kirchenzeitung.

Die andere Möglichkeit ist eine Mitgliederzeitschrift, die jedem Katholiken regelmäßig zugestellt wird – vergleichbar mit Magazinen von großen Verbänden, wie z. B. die „ADAC Motorwelt“. Aufgrund höherer Auflagen wäre eine gewisse Refinanzierung über Werbeerlöse möglich. Denkbar wäre eine Realisierung auf Bistumsebene, ein bundesweites Heft mit regionalen Eigenteilen oder auf Ballungsräume konzentrierte Lösungen. Für das Stadtgebiet Braunschweig erschien zu Ostern 2011 erstmals ein katholisches Monatsmagazin mit einer Auflage von 25.000 Exemplaren. Das Bistum Hildesheim subventioniert das Projekt im ersten Jahr mit einer viertel Million Euro und evaluiert es mit Hilfe von Leserbefragungen.

Welche der beschriebenen Optionen letztlich favorisiert und umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Mit Blick auf die Entwicklung der kirchlichen Presse aber ist klar, dass zielstrebig und so weitgehend wie nur möglich kooperativ gehandelt werden sollte. Das hat auch schon der Freiburger Erzbischof Karl Fritz vor 90 Jahren erkannt, als er den Gläubigen zurief: „Noch immer, wenn große katholische Interessen auf dem Spiele standen, hat Klerus und Volk zu gemeinsamer entschlossener Hilfeleistung sich angeschickt. Jetzt gilt es, die katholische Presse allseitig zu fördern und vor dem Untergang zu schützen. Wer hier mithilft, vollbringt eine soziale Tat.“6

Literatur

1 Veröffentlicht in: Anzeigeblatt für die Erzdiözese Freiburg, Nr. 19 vom 16. August 1922.
2 Alle genannten Auflagenzahlen beziehen sich auf die verkauften Exemplare im 4. Quartal 2012 laut Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (www.ivw.de).
3 Vgl. Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. Konstanz 2000, S. 202.
4 Vgl. hierzu Klenk, Christian: Letzte Chance für die Bistumspresse? Die Auflage schrumpft stetig, doch bei der Suche nach Lösungen herrscht Uneinigkeit. In: Communicatio Socialis. 43. Jg. 2010, H. 1, S. 3–26.
5 Repräsentative Umfrage unter 2074 Katholiken, herausgegeben von der MDG. München 2010.
6 Vgl. Anm. 1.

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